Protokoll 7.3.2006

Das sichtbare Unsichtbare
Feministische Aspekte der Kunst- und Kulturvermittlung in Museen und im öffentlichen Raum
Diskursführerinnen: Sabine Prokop, Petra Unger, Karen Bernard, Maureen Brennan, (an Stelle von Lise Skou) Jee-Eun Kim
Abkürzungen im Text:
SP - Sabine Prokop,
PU - Petra Unger,
KB - Karen Bernard,
MB - Maureen Brennan,
JK - Jee-Eun Kim,
AUD - Publikum,
DM - Dolmetsch
--> Abstracts des Vortrags am Ende des Protokolls
Autorin: Miriam Koller
Synopsis des Diskurses
Petra Unger bespricht in ihrem theoretischen Input eingangs die Entstehung des Begriffs Feminismus und dessen An- und Verwendung seit dem 19. Jahrhundert. Sie resümiert die Anliegen und Themen der so genannten ersten und zweiten Frauenbewegung und weist auf den zeitgenössischen Diskurs der Queer Theory hin.
In weiterer Folge bespricht Petra Unger die feministische Theorie als Werkzeug für die Kunst- und Kulturvermittlung und plädiert für eine Sichtbarmachung des Weiblichen auf mehreren Ebenen: es bedarf der Reflexion über die Darstellungen von Frauen in der Kunstgeschichte, über die Arbeiten von Künstlerinnen, die Problematik von Bildunterschriften und Hängungssituation im Ausstellungsbetrieb und über die Repräsentation von Frauen in den Bildern, Monumenten des öffentlichen Raumes.
Die Diskussion greift den Aspekt von „öffentlich“ und „privat“ auf und bespricht die Möglichkeiten einer queeren Identität außerhalb von stereotypen Geschlechterrollen.
Petra Unger talks on the genesis of the concept of Feminism and its use and practice since the 19th century. She resumes the concernes and topics of the first and second Women's Liberation Movement and refers to the contemporary discourse of Queer Theory.
Petra Unger considers Feminist Theory as an important tool for the conveyance of art and culture, and pleads for a visualisation of the Female on several levels: it is necessary - to reflect the representations of women in art history; to focus on the work of female artists; to think about the legends of artworks and their positioning.
The discussions takes on the concepts of privat and public and reviews the possibilities of a queer identity, without re-enacting stereoype gender roles.
Protokoll des Vortrages
SP: Ich moderiere die 1. Woche der Diskursschiene, habe das Ganze auch koordiniert.
Ich bin feministische Wissenschaftlerin, arbeite wissenschaftspolitisch, im Frauenförderungsbereich und vieles mehr.
Gestern, dem ersten Abend dieser Reihe, gab es eine Einführung in den Diskurs und die Themen. Diese Einführung gibt es auch wieder nächsten Montag.
Die Diskursschiene dient auch dazu, die Theorie mit den Künstlerinnen zu vernetzen und das Publikum mit einzubeziehen.
Der heutige Theorie-Input kommt von Petra Unger, die Kunst- und Kulturvermittlerin ist, sie arbeitet auch als Stadtführerin.
Als Künstlerin begrüße ich heute Jee-Eun Kim: Schauspielerin. Auch Maureen Brennan und Karen Bernard sind hier und Barbara Klein vom KosmosTheater.
Damit möchte ich Wort und Bild an Petra Unger übergeben.
PU: Meine „Karriere“ in dieser Branche begann als so genannte Fremdenführerin, später fand eine Umbenennung in Kulturvermittlerin statt. Als solche sehe ich mich auch - Vermittlerin von Kulturen, seien sie sozial, gesellschaftlich, geographisch unterschiedlich. Ich mache heute Stadtführungen auf Spanisch, Englisch und Deutsch und bei solchen Rundgängen fällt folgendes bald auf: die in der Öffentlichkeit erzählte Geschichte und damit auch die Rezeption ist keine vollständige: Frauen fehlen, Geschichten der Randgruppen fehlen.
Diese „Geschichtserzählung“ beginnt sich mit der 2. Frauenbewegung in den 1970ern Jahren zu verändern.
Ich habe mich am Rosa-Mayreder-Colleg mit Feministischer Theorie beschäftigt und diese mit meiner Arbeit verbunden - konkret mit meiner Arbeit in und für Museen - in der Kunsthalle, im Kunsthaus, in der Sammlung Leopold, in den Bundesmuseen, im Jüdischen Museum u.a. - bei Bedarf auch für einzelne Ausstellungen.
Zentral ist für mich, das „Querlesen“. Also mit feministischen Überlegungen die Kunstgeschichte der Klassik und die zeitgenössische Kunst zu betrachten.
Ich möchte hier noch meinen Begriff von Feminismus klären: Der Begriff steht schon lang im Raum, aber: was ist es eigentlich? Feminismus hat viele Theorien und Aspekte hervorgebracht.
Der Begriff wurde von Charles Fourier, einem Sozialutopisten, im 19. Jahrhundert geprägt. Er meinte mit diesem Ausdruck die Anstrengung zur Gleichberechtigung. Damit ist gemeint, dass der Grad der weiblichen Emanzipation auch Auskunft gibt über den Grad der allgemeinen Emanzipation einer Gesellschaft.
Die feministische Theorie spitzt diese Aussage zu und meint: die Position der Frau, ihre Stellung in der Gesellschaft, gibt Auskunft über den Grad der Zivilisiertheit.
Durch Fourier ging also der Begriff Feminismus in den Diskurs ein - auch wenn er zunächst negativ angewandt wurde: Olympe de Gouges wurde deshalb verurteilt, weil sie politisch engagiert und Feministin war.
Ihr Credo war: „Wenn Frauen das Recht haben, auf das Schafott zu steigen, sollten sie auch das Recht habe, auf die Rednerbühne zu steigen.“
Später haben Frauen im 19. Jahrhundert den begriff positiv aufgegriffen. Diese Zeit war sehr frauenfeindlich, kein Wunder also, dass sich eine solche Gegenbewegung formierte.
Es wird immer wieder an diese wichtige Epoche erinnert, nicht aber an die Frauen dieser Zeit. Die schufen sich Räume für ihre Vorstellung selbst: Frauensalons, um den öffentlichen Diskurs zumindest im Privaten mitgestalten zu können.
Eine der ersten wichtigen Theoretikerin war Rosa Mayreder. Sie hat viel publiziert, oft in Antwort auf den frauenfeindlichen Theoretiker Otto Weininger, aber auch gemeinsam mit Auguste Fickert („Die Dokumente der Frauen“).
Sie ist eine der Ersten, die das Geschlecht als sozial konstruiert begreift.
Von der Vorstellung, dass Weiblichkeit konstruiert ist, ist es nicht weit zum Dekonstruktivismus. Sie war aber in ihrer Zeit bald wieder vergessen und wurde in den 1960ern wieder aufgegriffen.
Die erste Frauenbewegung hat durch den 1. Weltkrieg einen Schwung erfahren - weil die Männer auf den Schlachtfeldern waren, konnten Frauen Arbeitsplätze erlangen.
Dann kam der Backslash - es gab zwar sogar Aneignungen gewisser Gedanken bzw. der Begrifflichkeiten von Seiten der NS-Frauen, dennoch wurde durch das Regime der Gedanke des Feminismus und der dazugehörige Diskurs zerstört.
Die so genannte 2. Frauenbewegung entstand ab den 1970ern vor allem auf Hochschulen.
Antrieb der Debatte war die Abtreibungsdiskussion, die in der Publikation eines Massen-Outings von Frauen, die abgetrieben hatten, in der Zeitschrift „Stern“ gipfelte.
Eine solche Diskussion und Demonstration fand auch in Wien statt - 1975 trat ein neues Gesetz in Österreich in Kraft, dass sehr liberal ist - dessen sind wir uns oft nicht bewusst. In Deutschland gibt es die Indikationslösung, die der Zustimmung eines Arztes bedarf, in Österreich die so genannte Fristenlösung.
Die 2. Frauenbewegung kümmerte sich im Gegensatz zur 1. Frauenbewegung nicht um zivile Rechte (wie Scheidung, Wahlrecht). Es geht vor allem um Themen wie Kindesmissbrauch, Gewalt gegen Frauen, Machtstrukturen. Vor allem im autonomen Bereich entstehen Hilfestellen.
Im Gegensatz dazu diskutieren die Parteifrauen in dieser Zeit, wie sie den Gedanken des Feminismus aufgreifen wollen: in Institutionen etwas für Frauen tun? Ist nicht die ganze Gesellschaft als patriarchal infiltriert?
Dies waren alles sehr „praktische“ Diskussionen. Anfang der 1980er entwickelt sich eine sehr breite Theorie dazu: diese vereint Psychoanalyse, Marxismus, die Theorien von wichtigen Philosophen wie Pierre Bourdieu, Michel Foucault, auch die Philosophin Hanna Arendt und ihr Machtbegriff wurde rezipiert.
Eine Autorin, die viel Diskussion hervorgerufen hat, war Judith Butler. Ihr Diskurs greift der die „herrschende“ Heteronormativität direkt an. Die wichtigsten Schlagwörter sind dabei die Queer Theory und Performativität.
Die Essenz ihrer Überlegungen ist, dass sowohl Mann als auch Frau sozial konstruiert sind.
Mein Standpunkt zur Verwendung der Feministischen Theorie ist: Feminismus ist en Analyseintrument um gesellschaftliche und politische Phänomene zu analysieren, ist ein Labor für Strategieentwicklung, ist eine Utopiewerkstatt, letztlich eine politische Haltung. Das Ziel ist für mich: größtmögliche Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Bewusstseinsbildung von und für Frauen.
Damit kommen wir zur Anwendung meiner Ideen in der Klassischen Kunst. Hier möchte ich einige Beispiele aus dem Kunsthistorischen Museum zeigen.
Es geht hier auch um Schönheitsideale, die in einem Museum präsentiert werden. Anhand dieser Repräsentation lässt sich sehr viel erzählen: vor bis zu 100 Jahrengalten üppige Frauen als schön- heute würden diese Frauen nicht so gezeigt werden.
Hier „Das Pelzchen“ (1635-40) von Peter Paul Rubens
Eine Frauendarstellung, die und mit einem aktiven Blick begegnet. Ähnlich wie seine Kollegen Tizian und Giorgione, malt er Frauen, zu denen ein direkter Blickkontakt möglich ist.
Es wird eine sehr selbstbewusste Frau dargestellt, aber auch das damals gültige Schönheitsideal.
„Susanne im Bade“ (1555) von Tintoretto
Auffällig ist die schöne Komposition des Bildes, im manieristischen Stil.
Susanne badet sich mit ihrem Spiegel, selbstversunken. Es geht mir vor allem um das Thema im Bild, nicht um die Komposition (die normalerweise von KunstvermittlerInnen hervorgehoben wird).
Hier virulent ist der Topos der sexuellen Belästigung: beim intimen Baden wird die keusche Ehefrau von 2 Männern beobachtet. Die Männer beschuldigen Susanna nach einer versuchten Vergewaltigung, ihrerseits der Verführung. Susanna wird aber freigesprochen (im Gegensatz zur Geschichte und Darstellung der Lucretia). Sex. Gewalt in der Kunstgeschichte sollte diskutiert werden, wird aber normalerweise nicht aufgegriffen und die Bildbeschreibung bleibt oberflächlich bei der Technik.
Weitere Beispiele lassen sich bei Egon Schiele finden.
Er hat zur Jahrhundertwende gearbeitet und wichtige Themen bei ihm waren Selbstdarstellung, Vergänglichkeit, Sexualität.
Gerade zu dieser Zeit war die Sexualität ein großes Thema der Wissenschaften.
Diese Thematisierung fand nicht nur in der damals entstehenden Psychoanalyse statt, sondern auch in erotischen Bildern.
Egon Schiele hatte eine außergewöhnliche Rolle: er war ein „Enfant terrible“ der Kunstszene. Er zeigt das hässliche des Körpers, nicht das Schöne, Wunderbare.
Es geht um den kranken, amputierten Körper.
Im Zusammenhang mit seinen weiblichen Darstellungen ist wichtig: er malt die Frauen nackt: masturbierend, im hetero- und homosexuellen Akt beschäftigt.
Egon Schiele arbeitet hart an der grenze zur Pornographie.
Geschlechtsteile werden übergroß dargestellt, mit Farbe oft noch einmal hervorgehoben. Problematisch ist: die Frauen sind lasziv, haben oft keinen Blick (das Bild lässt also eine voyeuristische Betrachtung zu!).
Ein weiteres Bild von Egon Schiele macht diese Punkte noch einmal klar: die Modelle werden anonymisiert.
Der weibliche Körper wurde im 19. Jahrhundert massiv sexualisiert, für den Mann schon beinahe gefährlich. Frau-Sein bedeutet jetzt nicht nur Reproduktionsarbeit, es wird sexuell aufgeladen - was in der Kunst starken Niederschlag findet.
Schieles Bilder sind zB Auftragswerke - es ist also nicht nur die Erkundung seiner eigenen Phantasien.
Die modernen Antworten darauf sind zum Beispiel:
Carolee Schneemann. Sie ist nicht nur feministische Künstlerin, die multimedial gearbeitet hat. Ihre Themen waren der Körper, Einschreibungen und Gender.
Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kunst und der Peformance-Art der 1970er allgemein war der Einsatz des eigenen Körpers.
Schneemann war eine der ersten, die sich selbst inszeniert hat.
Auseinandersetzung mit Weiblichkeit fand auch bei Niki de Saint Phalle statt, vor allem in ihren so genannten Schießbildern. Erst später erklärte sie, dass dies eine Auseinandersetzung mit dem an ihr verübten sexuellen Missbrauchs war.
Sie brach ein klares Tabu: eine jungfräulich inszenierte Frau, die schießt, einen symbolischen Mord verübt.
Gegen Ende ihrer Karriere wendet sie sich weg von aktionistischer Kunst und kreierte die berühmten „Nanas“- die von Feministinnen oft kritisiert wurden (sie würden Frauen auf die reine Körperlichkeit und Reproduktionsarbeit reduzieren).
Aber ihre Arbeit der „HON-Kathedrale“ (eine riesiger, begehbarer Frauenkörper) evoziert aber wieder eine feministische Auseinandersetzung.
Valie Export, deren Fotos hier auch hängen, arbeitet in Österreich mit diesen Themen.
„Genitalpanik“, ein Bild von ihr, thematisiert den Freier Blick auf ihre Vagina - und das in einem Land, das in den 1060ern noch erzkonservativ strukturiert ist.
Um auf den permanenten Sexismus aufmerksam zu machen, veranstaltete sie das „Tapp- und Tastkino“ -auch wieder mit dem Einsatz des eigenen Körpers.
Ein kritisches Querlesen der klassischen Kunst und feministisch arbeitende Künstlerinnen sind ein Thema, ein anderes ist prinzipiell: wie viel „Frau“ wird im Museumsbetrieb zugelassen.
Diese frage stellen zB die Guerilla Girls. Sie diskutieren in humorvolle Weise die absolute Unterrepräsentation von Frauen im Kunstbetrieb und an Universitäten (5%).
AUD: Wir haben gerade heute gehört, dass die Akademie der Bildenden Künste einen guten Schnitt diesbezüglich hat.
PU: Ein weiteres Feld der Diskussion ist das Thema der Bildbeschriftung.
Hier ein Bild von Isabella D'Este. Sie war Förderin, zB von Tizian, und Unternehmerin.
Im Kunsthistorischen Museum sind 2 Bilder von ihr. Bis vor einem Jahr ist neben den Bildern folgende Bildbeschriftung gehangen: „...sie war bereits über 60, aber immer noch putzsüchtig“.
Diese Beschreibung ist mittlerweile nicht mehr da, stattdessen steht „sie war sehr modebewusst“.
Es geht also nicht nur darum, sich das Bild anzusehen, sondern auch, wie damit umgegangen wird.
Diese Bildunterschriften sind meistens anonym - und daher auch nicht diskutierbar und werden daher allmächtig. Die Hinterfragung ist daher auch ein feministisches Mittel der Kunstbetrachtung.
Hier ein Bild der Sammlung Leopold.
Eine Frau, porträtiert von Ferdinand Andri. Eine junge Arbeiterin, mehrmals von ihm in verschiedenster Aufmachung gezeichnet. Dieses Bild war vormals beschrieben als „Sitzende im roten Kleid“. Ihr Name war Helene Zarci. Ein bei einer meiner Führungen anwesender Mann machte mich darauf aufmerksam.
Ich wandte mich also an die Museologische Abeilung, dass nun endlich der Name in der Bildunterschrift eingesetzt werden könne. Erst durch eine spätere Diskussion, ob dieses Bild eine Frau oder ein Kind darstellt, wurde meine Forderung ausgeführt.
Auch durch eine Hängung kann eine Geschichte erzählt werden, entsteht ein Kontext.
Die Sujets dieser Ausstellung von Ernst Jansen versus Egon Schiele waren sehr ähnlich.
Rudolf Leopold hat prinzipiell den Anspruch, sämtliche Werke in letzter Instanz selbst zu hängen, was er mit ästhetischem Empfinden argumentiert - was die Arbeit als KunstvermittlerIn natürlich schwer macht, weil so häufig die Chronologie fehlt.
In dieser Ausstellung wird durch die Hängung von 2 Bildern folgende Geschichte erzählt: ein Mann nähert sich einer Frau von hinten, die quasi für ihn sexuell Verfügbar wird.
Feministische Praxis in Kunst- und Kulturvermittlung bedeutet also: die
- Reproduktion von Geschlechterstereotypen im Museums und Austellungsbetrieb einerseits, die Präsenz von weiblichen Modellen, Künstlerinnen, Mäzeninnen andererseits bewusst machen
- Bild- und Raumtexte kritisch betrachten
- Thematische Zugänge neben den kunsthistorischen wählen
- Geschlechtertrennung bei Kinder- und Schulprogrammen
- Unterschiedliche Assoziationen bei BetrachterInnen achten und darauf eingehen
Oft ist so eine Geschlechtertrennung notwendig, weil eine Auseinandersetzung sonst nicht funktioniert. Buben und Mädchen gehen anders mit zB erotischen Bildern um. Diese Reaktionen und Irritationen müssen aufgegriffen werden.
Noch ein kurzer Ausflug in den öffentlichen Raum:
Ich untersuche für die Bezirke die Geschichten und Bilder in der Stadt -
Es sind übrigens, einer Studie zu Folge, 98% der Straßennamen, Denkmälern etc Männern gewidmet!
Hier die Pallas Athene: die Göttin der Weisheit und Gerechtigkeit vor dem Parlament. Eine durch und durch weibliche Darstellung.
Selten sind Denkmäler wirkliche Frauen - eher Allegorien. Eine Ausnahme ist zB das Denkmal der Maria Theresia oder das der Sissi im Volksgarten. Interessant dabei ist, im Vergleich mit dem benachbarten Reiterdenkmal, dass sie, als bewegte Persönlichkeit, im Stillstand monumental dargestellt wird.
Der Rückzug, der ihr aber auch sehr wichtig war, wird dem doch gerecht: sie ist in einem abgelegenen Platz positioniert.
Hier die Wiener Pestsäule. Eine junge Frau mit einem Kreuz blickt gen Himmel, eine alte nackte Frau stützt währenddessen in den Tod.
Hier wird schon einer sehr aktueller Diskurs aufgegriffen: Jung siegt über alt. Das Böse ist alt, nackt, krank.
Dann kommen wir noch zu einem Beispiel einer KünstlerIN im öffentlichen Raum. Hier „Die Wächterin“ von Ulrike Truger. Die Aufstellung wurde zur blau-schwarzen Regierungsangelobung gemeinsam mit anderen Frauen von ihr „illegal“ aufgestellt und wurde letzten Endes bewilligt. Das Monument wurde Markus Omofuma gewidmet und steht heute vor dem MQ.
Hier das letzte Beispiel: das Juden- und JüdInnendenkmal in Wien.
1988 gab es das offizielle Gedenkjahr zu dessen Anlass ein Denkmal an Alfred Hrdlicka in Auftrag gegeben wurde. Ein sehr expressives Monument entstand, dass von der jüdischen Gemeinde (besonders von Simon Wiesenthal) heftig diskutiert wurde: das Grauen wurde jeden Tag aufs Neue hergestellt.
Hrdlicka widmete, sehr österreichisch, das Monument auch allen Opfern des Krieges (also auch Österreich als angebliches Opfer).
Rachel Whiteread, eine Engländerin gewann die Neuausschreibung für ein Denkmal, dass allein den jüdischen Opfern gewidmet ist. Es wurde ein hohler Raum, der die Leere thematisiert, die durch den Holocaust entstand. Wir sehen das Relief von Bücherseiten an der Außenwand - damit wird das jüdische Wissen thematisiert.
Abschließend möchte ich folgenden Satz als Überlegung anführen: Wer repräsentiert wen in welchem Kontext?
Protokoll der Diskussion
SP: Vielen dank für diesen ausführlichen Vortrag über die Wiener Kunstszene.
Ich beschäftige mich mit diesem Thema auch schon seit Jahren, hab auch einige Punkte für die Diskussion angemerkt. Ich möchte das Wort aber zuerst an das Publikum und an die Künstlerinnen geben.
KB: Hearing this makes me more aware of my work. Recently “The Times” refered to me as an old, dumpy body. This male review was so post-war-style. (…)
AUD: Bitte um Übersetzung!
DM: Es geht um die 2 unterschiedlichen Sichtweisen ein- und derselben Performance von einer Frau und einem Mann.
MB: It made me think of the book „The Crown“ of Barbara Walker.
DM: Es ist ein Buch, das die Angst vor dem Altwerden thematisiert.
SP: Es gab ja auch die Geschichte von der Darstellung von alten Frauen, die in offiziellen Portraits sehr viel jünger inszeniert werden als in Selbstdarstellungen.
AUD: Offenbar darf es nicht sein, dass eine 60jährige noch erotisch ist.
PU: Beziehungsweise ob eine solche noch eitel sein und sich schön machen darf.
AUD: Mich würde interessiert, wie Sie die Ausstellung von Schiele in der Albertina sehen - auch bezüglich Hängung, Beschriftung.
PU: Sie ist sehr viel besser als andere. Thematisch geordnet, auch stilistisch. Anhand der Bildbeschriftungen lässt sich sagen: Erotik ist ein Tabu. Es wird nur angedeutet.
Pornographie möchte ich hier nicht negativ abwerten. Es kann doch in der Kunst stattfinden! Nur das problematisch ist, dass es nicht benannt werden darf.
Die Albertina hat sich bemüht, es ist aber immer noch dieselbe Herangehensweise.
MB: I saw the exhibition and I always thought, that he was only a pornographic artist and I'm glad that he is so much wider. I enjoyed the exhibition. (…)
DM: Interessant war für Maureen auch, wie BesucherInnen auf die Ausstellung reagiert haben.
AUD: Wie gehen Sie mit nicht-feminsitsch-aufgeklärten Menschen in einer Vermittlungssituation um?
PU: Für mich ist eine Vermittlungsarbeit gelungen, wenn Diskussion stattfindet. Auch wenn dies oft über eine Provokation erfolgt.
Wir leben in einer Postmoderne, in der es nicht korrekt ist, eine bestimmte, klare Haltung einzunehmen. Alles soll offen und vage bleiben.
Andererseits habe ich sehr gute Erfahrungen mit meiner klaren Position, das Publikum will das eigentlich auch.
Was ich auch in Vermittlungssituation beobachte, mit gemischt-geschlechtlichem Publikum, ist eine gewisse Wanderung: am Anfang sind die Männer vorne und witzeln, während der Führung wandern die Frauen nach vorne und mischen sich ein (über die Darstellung der Frauen-Leben und Frauen-Darstellungen). Wichtig ist dabei auch der Generationenunterschied. Die jungen Frauen leben mit dem Mythos, dass wir eh schon emanzipiert sind und sehen keine Notwendigkeit. Die älteren, die schon als Mütter vielleicht an gläserne Decken gestoßen sind, diskutieren oft noch radikaler.
JK: The use of the female body and your deconstructing was very useful. What I find interesting is the discussion of private and public.
I still try to understand, what is private and what is public. I went through language, to the roots of what and how we think. I wanted to ask, what you think is the “utopia” you mentioned. (…)
DM: Ein Lob des Vortrags einerseits, der Gegensatz von öffentlich und privat andererseits, war der Inhalt des Statements Feminismus und Utopie: wie ist das weiter zu denken? Was June weiter interessiert, ist der Umgang mit Sprache - weil in ihrer Arbeit der Körper keine große Rolle spielt.
PU: Vor 100 Jahren war alles viel einfacher. Die Teilung von privat und öffentlich fand damals statt - Repräsentation/Arbeit versus Reproduktionsraum. Auch wenn es GrenzgängerInnen gab. Früher durften Frauen nur gemeinsam mit Männern ins Cafehaus. Es war also sehr klar, was ist privat und was ist öffentlich (für Frauen nicht existent).
Spätestens seit diversen Fernsehshows ist diese Trennung verwischt: ich kann darauf also keine klare Antwort mehr geben. So bald ich eine Webcam in meiner Wohnung aufstelle und mich im Internet präsentiere, bin ich nicht mehr privat.
Ein anderer Gedanke in diese Richtung ist das Stück „patriot act“ hier, wo die Privatsphäre als schützenswerter Raum in Amerika angegriffen wird.
Wir müssen also darüber nachdenken.
Zu meinem Begriff der Utopie: wie die ersten feministischen Gedanken zu zivilen Änderungen formuliert wurden, war die Frage tatsächlich: ist das Utopie, wird das je funktionieren?
Daneben gibt es in der Theorie eine wirkliche Utopieproduktion. Vielleicht in 50 Jahren möglich, heute noch undenkbar, werden utopische Modelle gedacht: männerfreie Städte etc.
MB: I have the feeling, we as women have been lacking in art and in cinema. I have been reflecting on that. What I experience as woman in a creative feminist world - when get we to the point, that we can develop? All is created for and by man. I feel like an embryo - and I wait until we can emerge. (…)
DM: Gibts so etwas wie eine weibliche Perspektive, einen weiblichen Blick?
PU: First of all I had the feeling that I always had some extra work to do. Searching for representation. But now I find so much: made by women etc. There are so many books on art and reflections on female art. I think that there is so much material.
Now I am not looking for the female part in me. Therefore I think that queer theory is the real new and progressive concept. I am not searching for the female inside of me, because I got so many male parts inside of me as well.
We have to brake with the concept of male and female. I love to switch, to act like a man in one moment, as a woman in the next.
That's my utopia. To meet a person and I can't say straight ahead: this is a man or this is a woman.
The fact is, I have a female body and I have to deal with this. Important is, not to get back to old roles. What am I, if I'm not behaving like a woman?
MB: Its something beyond the roles for me. It's just an experience of being. That's not male or female. We should just experience this experience. To me it's still intellectual and philosophical. I am searching for the pure experience, not for a good book by a feminist.
PU: I think, if you have the consciousness, it helps a lot. Being a woman is not enough - because there are still so many reactionary women. Nowadays, in the 21. Century, we find out, that even the body is a gendered performance.
It should be like a method, like a fitness training: you should be aware off it and create something new.
AUD: Wie weit kann die Dekonstruktion gehen? Brauch ich die Rollenspiele? Wie weit kann ich mit der Sprache gehen? Das ist ja ein Problem des Dekonstruktivismus allgemein. Wie gehe ich damit um - wenn alles konstruiert ist (historisch, sozial) - wie kann ich mich davon lösen. Ein Loslösen von den Rollen kann nur mit genau diesen Rollen funktionieren.
PU: Das ist genau das Paradoxon. Ich kann nicht ab heute von der Geschichte losgelöst arbeiten. Wichtig sind für mich dabei das politische Bewusstsein und der Umgang damit.
Ich glaub an beides.
AUD: Ich bin ganzheitlicher Philosoph. Ich meine, dass unsere Gesellschaft trotz Demokratie immer noch eine Herrschaftsgesellschaft ist. Es gelten noch immer Verbote (auch religiös) - die gelten aber für beide, Frauen und Männer.
Meine Antwort ist, dass der Mensch zu sich selbst finden muss. Wo ist meine Stärke? Dann gehe ich in die gesellschaftliche Initiative.
PU: Ich glaube, es ist ganz notwendig, dass die Männer in den Spiegel schauen. Über sich selbst nachzudenken ist momentan vor allem für Männer notwendig, die Feministinnen tun das ja schon lange.
SP: Ich will zum Abschluss zurück ins Festival führen. Sprache, Realität, Theorie: findet ja auch in der Performancekunst statt, nicht nur als gesprochene Sprache, im Diskurs. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend beim Festival.
Abstract des Vortrages
"Do women still have to be naked to get into the Met Museum?" fragen die seit 1985 anonym agierenden Guerilla Girls. Eine Gruppe von Aktivistinnen, die mit Plakat- und Postkartenaktionen sowie mit öffentlichen Auftritten auf den Ausschluss von Frauen aus dem Kunstbetrieb aufmerksam machen.
Die Erkenntnisse der feministischen Geschichts- und Kunstgeschichtsforschung der letzten Jahrzehnte ergeben, dass Frauen zu allen Zeiten, in allen Epochen Kunst/Geschichte geschrieben und gestaltet haben. Ihre Leistungen werden jedoch nach wie vor nicht in derselben Weise gewürdigt wie jene von Männern. Weder in kunst/historischen Büchern, noch im öffentlichen Raum in Form von Denkmäler und Gedenktafeln, oder in den Ausstellungen der verschiedensten Museen. In der Kunstvermittlung kommen Frauen ebenso wenig vor wie sie im Alltag mit-gemeint sind oder nur in veralteten Stereotypen.
CV Petra Unger
Kunst- und Kulturvermittlerin. Akademische Referentin für feministische Bildung und Politik
1966 in Wien geboren, arbeitet seit über 10 Jahren engagiert in den verschiedensten Bereichen der Kulturvermittlung.
Als geprüfte Stadtführerin mit den Sprachen Deutsch, Spanisch, Englisch vermittelt sie Themen und ungewöhnliche Sichtweisen aus Geschichte und Kultur der Stadt Wien.
Als Kulturvermittlerin in Museen ist sie in der Sammlung Leopold tätig.
In ihrer Eigenschaft als Akademische Referentin für feministische Bildung und Politik vermittelt sie als besonderes Schwerpunktthema Frauengeschichte unter kritisch-feministischen Aspekten. Hierzu veranstaltet sie Vorträge, Lesungen und Seminare.
Zur Geschichte der Geschlechterstereotypen und der Ersten Frauenbewegung in Österreich
"Gender, oder was?"
Zur Geschichte der Zweiten Frauenbewegung und feministischer Theorieentwicklung
"Gender Mainstreaming, aber wie?"
Geschichte Interpretationen, Anwendungsbereiche, Chancen und Risken von Gender Mainstreaming
CV Karen Bernard
Performance Artist. Born in Massachusetts, studied Dance at the London School of Contemporary Dance. Founder and Producer of New Dance Alliance, lives in NYC
CV June Kim
Interaktive Performance und Video Artist.
She lives in sweden and teaches in a Postgraduate Programme in theory and arts.
CV Maureen Brennan
Director, works with Karen Bernard. Lives in NYC
diskurs - 8. Mar, 14:09