Protokoll 8.3.2006

Solidarität = erweiterter Egoismus?
FIFTITU% - Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich
Diskursführerinnen: Juliane Alton, Andrea Mayer-Edoloeyi, Sabine Prokop
SP - Sabine Prokop
AME - Andrea Mayer-Edoloeyi
JA - Juliane Alton
LS - Lise Skou
KB - Karen Bernard
DM - Dolmetsch
AUD - Publikum
--> Abstracts der Vorträge am Ende des Protokolls
Autorin: Miriam Koller
Synopsis des Diskurses
Der Diskurs dieses Abends ist durch 2 Vorträge bestimmt, die theoretische Überlegungen und Berichte aus der Praxis verbinden. Beiden ist das Thema des „Netzwerkens“ immanent. Juliane Alton spricht über die Reetablierung von bestimmten Werten wie z.B. Solidarität und klärt in diesem Zusammenhang die für diesen Topos wichtigen Begrifflichkeiten (Identität, Demokratie, Orte der Kunst). Andrea Mayer-Edoloeyi stellt die Vernetzungsstelle FIFTITU% für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich, deren Bemühungen, Ziele und Herangehensweise als Netzwerk vor.
Die Diskussion greift diese Begrifflichkeiten auf und hinterfragt die Möglichkeiten von Identitäten einerseits, die von Diversität und Gruppenarbeit andererseits. Als problematisierende Erkenntnis ergibt die Diskussion, dass bestimmte Konzepte, wie das des Gender Mainstreamings oder der Gender Studies, elementare und immer noch feministische Anliegen oft überdecken und eigentlich untergraben.
The discourse of the evening combines 2 different approaches: theory and praxis of „networks“. Juliane Alton speaks on re-establishing certain values, such as solidarity and clarifys therefore necessary concepts (of identity, democracy, places of art). Andrea Mayer-Edoloeyi introduces the Upper Austrian organisation FIFTITU% - for women in Art and Culture and talks on their aims, approaches and efforts as a network.
The discussion comes back to the concepts and questions the possibilities of identity, diversity and working in groups/networks. The conclusion of the discussion is the realization that certain concepts, such as Gender Mainstreaming and Gender Studies, have a problematic impact on, or even cover up feminist issues.
Protokoll des Vortrages von Juliane Alton
SP: Begrüßung.
Heute geht es um Netzwerke im weitesten Sinne - ich begrüße AME vom Verein FIFTITU% und JA von der IG Kultur in Vorarlberg. Ich übergebe gleich an JA.
JA: Ich möchte heute über das Thema „Solidarität als erweiterter Egoismus“ sprechen.
Für einen solchen Diskurs sind mir ein paar keywords sehr wichtig, diese sind: Demokratie und Gleichheit, Orte der Kunst und politische Wirkung der Kunst, Solidarität und Egoismus, Orient und Okzident.
Das ganze soll vor allem in der Diskussion münden: was sind Netzwerke, was nützen Netze?
Ich möchte mit ein paar alten Geschichten beginnen:
In der Diskussion von Orient und Okzident etc. wird immer der Begriff der Werte aufgegriffen.
Werte drohen verloren zu gehen, bestimmte Werte müssen gepflegt werden etc.
Ein Beispiel ist ein Bundeskanzler, der die Familie, verstanden als einen sehr konservativen Begriff, als wichtigen Wert thematisiert.
Ich mache auch hier konservative Begriffspaare für den Diskurs nutzbar - wie können wir als Denkerinnen und Künstlerinnen diese Begriffe neu formulieren?
Beginnen möchte ich mit dem wissenschaftlichen Denken, das eigentlich schon der erste Schritt zu einer Emanzipation ist.
Das Individuum verlässt die gottgegebene Position und sucht neue Plätze, hier die des Denkens. Dabei gültig ist immer der Anspruch der Nachvollziehbarkeit, Gleichheit.
Ich komme zum ersten Begriffspaar: Demokratie und Gleichheit.
Die Verfassungen Europas beruhen auf diesen Werten, sie bekennen sich dazu.
Der Anspruch ist oder sollte sein, diese Werte zu realisieren: Freiheit, Solidarität.
Gerade der Begriff der Freiheit ist immer wieder bedroht - gerade durch die neuen Regierungspakete, hier in Österreich.
Die Gleichheit vor dem Gesetz ist insofern interessant - dass Gleichheit und Freiheit eigentlich widersprüchlich sind. Historisch gesehen waren es vor allem die erwachsenen Männer, die Gleichheit erfuhren.
Der in unserer Welt gültige Einschlus-Ausschluss-Menchanismus geht nicht konform mit der Idee der Gleichheit.
Dieses Prinzip der Inklusion versus Exklusion kann als das Paradoxon der Demokratie bezeichnet werden.
Dies führt jedoch zu neuer Energie für den Kampf.
Interessant ist das im Zusammenhang mit dem Ausschluss von Gruppen, nicht von Einzelnen.
Deswegen ein kurzer Exkurs zum Topos der Identität.
Identität ist ein zentraler Begriff.
Eigentlich kann sie verstanden werden als anerkannte Ungleichheit, ich bzw. wir - sind anders als eine andere Gruppe (z.B. KapitalistInnen, RassistInnen). Wir benennen uns selbst über die Abwehr von anderen. In erster Instanz ist das eine Politik der Machtlosigkeit.
Nancy Fraser hat diese Frage sehr genau behandelt und bringt sie als „tradierte Gerechtigkeit“ zur Sprache und auf den Punkt.
Wollen wir Macht umverteilen? Als Feministinnen anerkannt werden?
Wenn wir als Gruppe anerkannt werden wollen, schotten wir uns gleichzeitig von anderen ab.
Es ist also eine ständige ent- und differenzierende Bewegung.
Entwickelt wird dabei die Fähigkeit, sich selbst zu benennen, führt zu Identität.
Ich möchte jetzt auf die Orte der Kunst und deren politische Wirkung zu sprechen kommen.
Das führt gleich zum Genialitätsbegriff des 19. Jahrhunderts, der im Gegensatz zum oben entwickelten Identitätsbegriff steht. Diese Identität widerspricht übrigens auch der spätkapitalistischen Politik (die eine Identifikation über Marken und Labels bedeutet).
Kunst kann sich nun zwischen gekaufter Distinktion und Identität stellen, politische Identitäten werden von Kunst anerkannt.
Wichtig dabei ist, dass der öffentlicher Raum permanent schrumpft, aufgekauft wird.
Kunst und KünstlerInnen können dieses Moment verändern, nicht nur innerhalb von institutionalisierten Rahmen.
Ein solch gegensätzliches Arbeiten passiert vor allem von KünstlerInnen, die den Körper als Zeichen verwenden. Judith Butler spricht ja vom Drama der sexuellen Differenz. Es ist eine produktive Differenz notwendig.
Solidarität ist ein zentraler Wert. Sie ist die Weiterentwicklung der Idee der Brüderlichkeit.
Auch in der österreichischen Bundesverfassung ist sie verankert (z.B. über die Sozialgesetze). Solche Gesetze der Solidarität können nicht einfach verändert werden.
Vom Ursprung der Solidarität als Mildtätigkeit komme ich zum Gedanken der erzwungenen Solidarität.
Zentral ist der Gedanke: „Es geht mir besser, umso besser es auch dem Umfeld geht.“
Dieses Prinzip stimmt auf allen Ebenen - aber nur auf längerfristige Sicht, nicht in Bezug auf z.B. tagtäglich geöffnete Börsen oder ähnliches.
Wenn z.B. ein Land zusammenbricht, schadet das dem Nachbarland und umgekehrt auch positiv gesehen: wenn es dem einen Land gut geht, wird es auch dem Nachbarland nützen.
Solidarität hat zwar einen schicksalhaften Aspekt. Ich möchte aber eine partielle und immateriale Solidarität hier einführen - in Form von der Idee der Netzwerke und Allianzen.
Das heißt: es gibt eine Kerngruppe, diese hat ein Ziel, das sie mit anderen teilt und verfolgt.
Da macht es mE auch Sinn, Verbindungen im gegnerischen Lager zu suchen - sonst bleiben solche Bewegungen klein. Näheres zu diesem Thema vielleicht in der Diskussion.
Protokoll der Diskussion
SP: Ich glaube, dass wir diesen Beitrag kurz dazwischen diskutieren.
Wenn wir zur gestrigen Diskussion über Öffentlich und Privat zurück denken: du, Juliane, hast auch erwähnt, dass der öffentliche Raum schrumpft. Was meinst du damit?
JA: In der alltäglichen Wahrnehmung ist der Raum verschmutzt - durch Labels, Marken etc. Die Gehsteige, der Luftraum, alles wird angefüllt. Darin sehe ich auch die Verantwortung der Kunst, diesen Raum zurückzuerobern.
SP: Im Sinne der Lebensstilpakete: auch im Privaten trage ich dauernd Labels an und mit mir. Aber es ändert sich im Blickwinkel von Öffentlich und Privat.
JA: Labels hab ich ja im Zusammenhang mit Identität eingeführt. Es bedarf also immer eines Außen. So werden auch Klassendifferenzen etc. festgemacht.
SP: Heißt das, dass der Raum wirklich weniger wird? Das Subjekt schwindet auch durch die Besetzung durch Labels?
JA: Prinzipiell kann gesagt werden, dass der private Raum immer größer wird. Auch was Haushalte angeht - der staatliche Haushalt schrumpft, der öffentliche Sektor nimmt um ca. 3% ab in Österreich, der Private wird ständig mehr.
Ob es weniger privat wird im Sinne der Subjekts, ist fraglich.
Vielleicht dahingehend, dass Privat und Öffentlich immer mehr verschwimmen.
Da schwindet wahrscheinlich ein Bereich der Privatheit.
SP: Der naturhafte Körper wird bei dir auch zum Körper als Zeichen.
JA: Ja, er ist nicht mehr Naturwesen. Wenn du ihn als Zeichen verstehst, wird er von der Materialität losgelöst.
KB: I don't understand what your corncerns are.
DM: Was sind die Hauptanliegen?
KB: Do you think about marketing, or....?
JA: Worauf ich hinaus will, ist die Reetablierung von wirklich wichtigen Werten - Gleichheit und Solidarität. Wir haben sie nie erreicht und die Begriffe werden schon wieder weggeworfen, auf den Misthaufen der Geschichte, auch von Regierungen.
KB: How is that related to arts?
JA: Kunst kann die Widersprüche zeigen. Das Feld von Privat und Öffentlich kann bespielt oder betont werden. Sie zieht auch das Begehren des Marktes an sich - der Markt sucht ja auch das künstlerische Subjekt. Darum hat Kunst einen sehr speziellen Platz und bestimmte Möglichkeiten inne.
Protokoll des Vortrages von Andrea Mayer-Edoloeyi
SP: Ich glaube, dass der 2. Vortrag diese Aspekte auch noch von einer anderen Seite beleuchten wird. Ich möchte damit an AME übergeben. FIFTITU% ist ein Verein, der sich für die Symmetrie der Geschlechter in Kunst und Kultur bemüht.
AME: Ich möchte über feminsitische Kulturpolitik sprechen, vor allem in Zusammenhang mit der Theorie.
Bei FIFTITU% engagieren sich KünstlerInnen und Kulturabteilungen. Die Organisation bietet Beratung vor allem für kulturschaffende Frauen, organisiert aber auch Weiterbildungsveranstaltungen für Frauen.
Die Vernetzung aus Oberösterreich hinaus ist dem Verein sehr wichtig.
Finanziert wird der Verein durch interessierte Frauen und Stadt, Land und Bund.
FIFTITU% steht für die Tatsache, dass 52% der Weltbevölkerung Frauen sind.
In einem Forderungskatalog haben wir klargemacht, was getan werden muss, um die oben erwähnte Symmetrie zu erreichen.
Wir finden heute kaum PolitikerInnen, die sich nicht zur Gleichstellung der Geschlechter bekennen würden. Erst in der Praxis wird klar, dass hier verschiede Ansprüche und Interessen herrschen.
Um den Katalog umzusetzen fanden diverse Gespräche mit Landes- und Bundesstellen statt.
Begleitet wird diese Gesprächsarbeit über Pressearbeit - als konkretes Beispiel: wir haben uns zu einem „Kuschelkurs“ mit dem Identanten von „Linz als Kulturhauptstadt 2009“ entschlossen - diesen Vertrag haben wir gebrochen, um die Besetzungspolitik i n Zuge dieser Bemühungen zur Kulturhauptstadt aufzudecken.
Wir haben uns um paritätische Besetzungspolitik bemüht - z.B. auch bei der Besetzung des Kulturstadtrates.
Das sind durchwegs kleine Schritte, die aber nötig sind - auch um sich immer wieder selbst der Sinnhaftigkeit zu versichern. Aber auch der Öffentlichkeit immer wieder klar zu machen: welche Schritte sind notwendig.
Ich möchte aber nicht missverstanden werden: es muss prinzipiell schon um radikale Veränderungen gehen. Was Kulturpolitik betrifft, bedarf es einer Neu-Orientierung!
Nun zum Hintergrund unserer Arbeit: der Verein funktioniert nur mit den Aktivistinnen gemeinsam.
Unser Büro ist eine wichtige Anlaufstelle. Gerade Künstlerinnen wollen nicht als Opfer von patriarchalen Mechanismen gesehen werden.
Wir kümmern uns, zugegeben, wenig um das Schaffen und Werken von Männern.
Mit dieser Haltung soll ein Stück weit Patriachat abgeschafft wird.
Bei der „Abschaffung des Patraiarchats“ geht es darum, die alte Ordnung nicht mehr anzuerkennen, deren Allmacht zu brechen.
Das bedeutet einen Wechsel des Blickwinkels, auch innerhalb der Frauenbewegung.
Es soll keine Handlungsunfähigkeit mehr herrschen: wie die Maus starr vor der "Schlange Patriachat" sitzen.
Wir sollen nicht darauf warten, dass sich Realitäten ändern, sondern von uns und unserer Praxis affirmativ sprechen, das führt schon zu einer Änderung
FIFITTU% ist die Vernetztheit innerhalb des Kulturbetriebs wichtig. Unsere Arbeit entsteht vor allem aus dem Kontext der eigenen Interessen: z.B. das Thema „prekäre Beschäftigungssituation im Kunst- und Kulturpolitik“. Es macht großen Sinn, von den eigenen Interessen auszugehen - weil es auch die Wirklichkeit von anderen Frauen in dem Feld beschreibt.
Bezug nehmend auf Theorie und Praxis: es geht diesen beiden Polen immer um ein gemeinsames Ringen um Inhalte. Jetzt gerade z.B. aktuell das Thema „Gender Mainstreaming“. Einerseits ist dies eine wichtige Diskussion, andererseits führt es in der Praxis oft zu Verflachung.
Worte und Inhalte wie: Frauenförderung, feministische Kulturpolitik gehen dabei verloren.
Durch Gender Mainstreaming werden diese Begriffe ersetzt, was eigentlich eine Eliminierung dieser Themen in der Praxis bedeutet und ist daher nicht sehr sinnvoll.
Einen Widerspruch möchte ich zum Schluss noch ansprechen. Als deklarierte Frauenorganisation ist es nicht leicht - auch mit der Beschränkung auf Kunst- und Kulturbetrieb.
Es geht aber nicht um separatistische Anliegen von Künstlerinnen, sondern um die erweiterte, gesamtgesellschaftliche Betrachtung von Phänomenen und Problemen.
Unsere Kompetenz liegt dabei natürlich im Kunst- und Kulturbereich.
Protokoll der Diskussion
SP: Danke für deinen Vortrag, Andrea.
Gibt es ad hoc fragen an die Referentinnen? - Für mich, als Netzwerkarbeitende, hab ich einige Ansatzpunkte für die Diskussion.
Du, Juliane, hast auch über den Egoismus gesprochen. Kennt ihr in eurem Arbeiten den Vorwurf des Egoismus?
AME: Der Vorwurf des Egoismus gilt weniger für die Kunst- und Kultur-Community. Es liegt zwischen Praxis und Überlegungen oft ein Abstrahierungsschritt.
Bei konkreten Projekten ist das viel eher der Fall.
Wenn es um die Verteilung von Geld und Macht geht, und die Hinterfragung dessen, kommt sehr schnell der Vorwurf des Egoismus, gerade für Feministinnen.
JA: Das ist ja ein Egoismus, der ja schnell auch zu Solidarität erweitert wird. Es geht nicht um mein persönliches Problem, sondern es erfolgt gleich der Schritt in eine Gruppe ähnlich Gesinnter, Betroffener. Innerhalb von Initiativen funktioniert das ganz gut. Bei EinzelkünstlerInnen gibt es dann natürlich schon wieder den Vorwurf des Plagiats, z.B.
SP: Da möchte ich auch wieder die Frage an die Künstlerinnen geben, was ihre Erfahrung mit Solidarität und Macht etc sind.
KB: I went to this festival, beacuse I thought that my work would fit in. But it isn't common to have this kind of dialogue. Usually its gay/lesbian/women-work, in an institutional sense.
I don't want to be my worked labeled.
In NYC we have other questions of diversity: black and hispanic work etc.
People have to think about so much diversity: age, gender, race and so on. Especially when it is about spreading money. I don't think that there is a singular feminist organisation.
JA: If you think more about that modell of diversity, than it is like this: every person is part of a diversity. You have to split and split, until you have the single person. I think it ends in a bad way.
AUD: Gerade in den Cultural Studies ist diese Diskussion ja auch wichtig. Amerika ist da vielleicht schon weiter. Gerade die Queer Theory beginnt ja jetzt erst in Deutsch zu erscheinen.
Wo ist denn die Grenze zwischen Feminismus und Gender Studies? Wo seht ihr die Diversität.
In der Schweiz, wo ich herkomme, gibt es nicht viel Diversität. Es ist alles viel mehr getrennt. Ich denke, es ist fast ein bisschen borniert, sich auf eine Identität festzulegen, nur weil das bei uns möglich ist.
JA: Ich möchte diese Diversität als politisches Kampfmittel verstanden wissen, ich definiere zunächst einmal mich (als Feministin etc...), dann innerhalb einer Gruppe. Diese Andersheit einer Gruppe will ich anerkannt wissen, von den VerteilerInnen von Förderungen. Es wird der Anspruch nach Gleichheit erhoben.
Du musst mit dieser Gruppe und der Diversität innerhalb ihrer (z.B. Feministinnen, queer oder transgender Personen) auch handeln.
AUD: Da bin ich einig. Aber was ist der Balanceakt zwischen den Themen? Es ist nämlich ein Balanceakt.
AME: Zu dieser Debatte möchte ich auch noch etwas Inhaltliches sagen. Unter dem Label „Postmoderne“ wird alles aufgelöst. Ich möchte mich daher eigentlich daher ganz explizit wieder auf den Feminismus berufen.
SP: Seit es Gender Studies gibt, gibt es auch in der Wissenschaft kaum mehr feministische Sachen. Alles wird vom Deckmantel Gender Studies geschluckt.
JA: Gender Mainstreaming sollten ja auch die Behörden machen, nicht wir an der Basis.
AUD: Ich finde, dass es in Österreich auch eine andere Tradition hat. Eine generelle Debatte bleibt dennoch übrig: es werden gegenseitig die Gelder abgegraben, der Fokus wird immer größer.
Die Überlegung der multiplen Identitäten ist vielleicht bei uns jetzt erst neu: dass wir nicht nur Feministinnen, Frauen, was auch immer sind.
SP: Juliane, du hast auch gesagt, im Zentrum muss ein Ziel sein. Auch bezüglich des gegnerischen Lagers: das Zentrum sollte mE nicht zu groß gemacht werden, dabei bleibt die Energie auf der Strecke.
JA: Netzwerke haben eh meistens keine Power. Sie sind eine Informationsstruktur.
Bezüglich des gegnerischen Lagers, kann ich zB das Grundeinkommen benennen. Das betrifft vor allem KünstlerInnen, es würde ihnen sehr viel in ihrer arbeit helfen. Und wen finde ich da? Die ChristInnen, mit ihrem Prinzip des Teilens, engagieren sich auch für dasselbe. Du kannst also mit so einer Schiene viel erreichen.
AUD: Ich denke in den Anfängen des Feminismus, da war alles so klar, es gab keine Zwischenbereiche. Solche gemeinsamen Interessen von gegenläufigen Lagern tauchen aber jetzt auf einmal wieder auf. Sind diese gemeinsamen Interessen Utopie oder Realität? Wird da nicht wieder eine automatisch eine Marginalisierung passieren?
AME: Ich denke mir, es ist immer noch wichtig, nach der Verteilung von Macht und Geld zu fragen. Wer kann wo gestalten, kann TUN. Diese Fragestellungen können die Grundlagen wieder klar machen.
Die Identitätsfragen kommen mE nach diesen Grundfragen - und diese müssen eben wieder vermehrt gestellt werden.
LS: First I wanna say, I can hardly follow your discussion. In Denmark there is a lot of networking, there is a strong tendency to network, especially in visual art.
Not only for women, but all visual artists, we are trying to gain back the public space.
I think there is a tendency in this direction.
SP: And what do you think about the discussion of diversity? About getting money and space.
LS: Do you mean in the sense, if it is harder to get money and space for women?
SP: In New York the feminist aspect doens't seem to be important, as Karen stated.
JA: Who contributes to the grants? Are there clear rules?
KB: There is the state and the city. And pannels. Its all based on quality. Its important how you can reach out to the public. I think, the state is more interested in the quality, the city more in the public. Its difficult to get money anyway.
SP: Ich denke es geht innerhalb der EU zwar schon in Richtung diversity, aber vor allem muss alles unter dem Aspekt von Gender Mainstreaming stattfinden, sonst gibt's fast kein Geld.
JA: Ich möchte noch zur Identität etwas sagen. Gerade im Bezug auf Orient und Okzident: die einfach verschiedenen Werte, die vertreten werden. Ich bin schon froh, dass ich mich auch abgrenzen kann. In unserer Gesetzschreibung steht das Individuum grundlegend im Mittelpunkt. In anderen Gesellschaftsformen gibt es andere Modelle, das der Familie als oberste Instanz z.B.
Es geht um diese Basiswerte!
AUD: Ich bin manchmal überfordert. Zum Beispiel hab ich das Stück „Patriot Act“ gesehen, da war die Diskussion stark, ob das nicht sehr „amerikanisch“ ist. Europa ist ja doch einfach anders. Können wir uns überhaupt als „der Westen“ präsentieren? Diese Selbstverständlichkeit gibt es glaube ich nicht.
SP: Es geht um die eigenen Bedürfnisse. Es ist wichtig zu sagen: wie geht es mir, auch innerhalb einer Gruppe. Von dem sollte ausgegangen werden: da ist die Energie, da ist das Wissen. Im Kunstbereich ist das sowieso nicht so fern liegend, weil die oft vom Ich ausgeht.
AME: So bald Künstlerinnen in einem politischen Kunstkontext arbeiten, wird das aber schon wieder schwierig. Wenn es um das eigene Arbeiten geht, ist so eine Benennung leicht.
JA: Ich setze große Hoffnung in die Sichtbarmachung durch Künstlerinnen. Von punkten, für die auch der Diskurs blind ist. Ich glaube, durch den Bezug auf die Gesellschaft, vielleicht sogar als feministische Künstlerin, kommt das in die eigene Arbeit und so wieder zurück in die Gesellschaft.
SP: Ich möchte da auch gleich auf den morgigen Diskurs hinweisen, wo es um prekäre Arbeitsverhältnisse und creative industries geht. Das ist gerade in Österreich brandaktuell. Die Frage ist dann, was das bei den Einzelnen macht. Der Elfenbeinturm für die Kunst kann ja auch nicht das Ziel sein.
Ausblick und Verabschiedung
Abstract des Vortrages von Juliane Alton
Solidarität = erweiterter Egoismus?
Einige Begriffe (Werte), die etwas angestaubt erscheinen, werden von der Patina befreit.
An folgenden Begriffspaaren soll gekratzt werden:
> Demokratie und Gleichheit <
> Identität und Ausschluss <
> Orte der Kunst und politische Wirkung <
Schließlich:
> Solidarität und Egoismus <
Auf die Fragen von Netzwerken und Allianzen wird in der Diskussion Bezug genommen.
Siehe auch: http://www.alton.at/juliane/texte/allianzenbildung
Solidarity = Widened Egoism?
Some trems (values) that seem already dusty, shall be cleaned from its covering.
We try to sratch at the following pairs of terms:
> Democracy and Equality <
> Identity and Exclusion <
> Positions of the Art and Political Effects <
Finally:
> Solidarity and Egoism <
Questions of networking and alliances will be taken into consideration during the discussion.
Look at: http://www.alton.at/juliane/texte/allianzenbildung
Abstract des Vortrages von Andrea Mayer-Edoloeyi
FIFTITU% - Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in Oberösterreich
Erfahrungen, Modelle, Perspektiven feministischer Kulturpolitik
FIFTITU% hat sich zum Ziel gesetzt, für eine Symmetrie der Geschlechter in Kunst und Kultur zu sorgen. FIFTITU% engagiert sich kulturpolitisch, bietet Beratung und Information für kulturschaffende Frauen und organisiert öffentlichkeitswirksame Kunst- und Kulturprojekte.
Wir finden heute kaum PolitikerInnen, die nicht ein abstraktes Bekenntnis zur „Gleichstellung der Geschlechter“ ablegen würden - erst wenn es um die konkreten Veränderungen, um konkrete Umsetzung geht, wird die Sache kompliziert, mühsam, schwierig. Nur mit sehr konkreten Forderungen gelingt es auch Strukturen der Kulturpolitik zu beeinflussen.
FIFTITU% rückt die Leistungen und die Kompetenz von Frauen in den Mittelpunkt und kümmert sich wenig darum, was Männer in Kunst und Kultur tun. Gerade Künstlerinnen haben kein Interesse daran, zu lamentieren und als diskriminierte Opfer des Patriarchats dargestellt zu werden - eine Haltung im Sinne des Ende des Patriachats - es geht darum „der alten Ordnung die Allmacht und Allgegenwart absprechen“ .
Die Vernetztheit in der Kulturszene ist eine wichtige Vorraussetzung für das Tun von FIFTITU%. Wir gehen von der Praxis des Kulturbetriebs aus und entwickeln unsere Aktivitäten anhand der Interessen der Frauen. Das sind oftmals auch unsere eigenen Interessen, die Akteurinnen sind selbst Betroffene. Bei FIFTITU% gibt es keine Trennung von Theorie und Praxis. Das eine bedingt das andere.
FIFTITU% - Networking centre for women in art and culture in Upper Austria
Experience, models, perspectives of feminist cultural policies
The goal of FIFTITU% is symmetry of gender in culture and art. FIFTITU% is committed to cultural policies, offers assistance and information for female cultural workers and organizes publicly effective culture and art projects.
Today we scarcely find politicians who do not stands to an “equal treatment of gender” - but it gets complicated as soon as there is the need and urgency of concrete changes. Only with very concrete demands you can change structures of cultural policies.
FIFTITU% puts the achievements and competences of women into the center and cares little about what men do in culture and arts. Especially female artists are not interessed in lamenting and do not want to be perceived as the victims of patriarchy - this ist an opinion aiming towards the end of patriarchy - the aim is to negate the omnipotence and omnipresence of the old structures of power1.
Networking in the cultural field is a necessary prerequisite for the work of FIFTITU%. Our starting point is the practice in the cultural field and we develop our activities in the interest of women. Those interests often go together with our own interests, the activists are concerned for themselves. FIFTITU% does not separate theory and practice. The one is the reason for the other.
CV Juliane Alton
Geboren 1966 in Feldkirch, Vorarlberg
1984/85 Studienaufenthalt in Schweden
1985 - 1991 Studium der Theaterwissenschaft sowie der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, Kulturmanagement an der Musikuniversität, Wien
1992 Hauptpreis beim Film- und Videofestival der Frauenfilminitiative im Filmcasino, Wien (mit Hageneder, Maringer, Pilz)
1995 Herausgabe des Handbuchs für Filmschaffende (Verlag Buchkultur, Wien)
1999 bis 2003 Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft Freie Theaterarbeit, Wien
Seit 2002 Gerichtssachverständige, Fachbereiche: Urheberfragen aller Art und Theater
2004 Theaterpädagogin am Vorarlberger Landestheater
Seit März 2004 Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg und Vorstandsmitglied der IG Kultur Österreich
CV Andrea Mayer-Edoloeyi
geb. 1971, Kulturarbeiterin, Erwachsenenbildnerin. Seit 1996 beruflich in der Freien Kulturszene tätig, zuletzt Lehrgangsleiterin der ARTWORKS Gründerinnen-Werkstatt für Künstlerinnen. Vorstandsmitglied von FIFTITU% - Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur und KUPF - Kulturplattform Oberösterreich. Thematische Schwerpunkte: Kulturpolitik, Feminismus / Gender, Kultur und Arbeit, Bildungskonzepte. Derzeit Studium Theologie, Philosophie und Kunstwissenschaften in Linz.
CV Lise Skou
Studium an der Academy of Fine Art in Odense, DK. Sie gründete das CUDI/ Center for Urban Culture Dialogue and Information. Skou unterrichtet am Institut für Soziologie an der Unviersität Kopenhagen.
CV Karen Bernard
Performance Artist. Born in Massachusetts, studied Dance at the London School of Contemporary Dance. Founder and Producer of New Dance Alliance, lives in NYC.
diskurs - 9. Mar, 15:24